Einfach mal blau machen

Das mit der Kreativität ist ja so eine Sache. Mal ist sie ein sprudelnder Quell der Inspiration, mal sitzen wir auf dem Trockenen. Ärgerlich, ist sie doch des Werbers täglich Brot. Und dabei so schwer zu fassen. Wir haben den Wissenschaftsautor und Kreativitätsforscher Bas Kast zum Interview gebeten und so manche überraschende Antwort auf unsere Fragen bekommen.

Die wichtigste Frage zuerst: Was ist Kreativität - eine abstrakte Begrifflichkeit oder eine messbare Größe? Oder anders gefragt: Ist Kreativität ein Handwerk oder eine Begabung?

Beides! Ich konzentriere mich in meinem Buch auf das Handwerk und wie man die eigene Kreativität hervorkitzeln kann. Aber es geht natürlich nicht ohne eine gewisse Veranlagung. Wobei jeder seine ganz eigene Veranlagung hat: Bei manchen ist sie musisch (bei mir eher nicht), bei anderen mathematisch. Ich frage mich öfters: Was würden Leonardo da Vinci oder Goethe heute machen? Oder umgekehrt: Was hätten Bill Gates oder Mark Zuckerberg in der Renaissance getan? Wären sie untergegangen? Das heißt, ob die eigene Begabung aktuell von der Gesellschaft gefragt ist und gefördert wird, könnte auch kritisch sein. Hinzu kommt: Manchmal weiß man gar nicht, welche Begabungen in einem schlummern, bis man knietief in der Sache drinsteckt und merkt: Das ist es! Das ist mein Ding!

 

Wo genau findet Kreativität statt? Welche Bereiche des Gehirns sind an kreativen Prozessen beteiligt?

Also das Klischee vom rechten und linken Gehirn ist jedenfalls weitgehend Unsinn! Je nachdem, auf welchem Gebiet Sie kreativ sind, brauchen Sie unterschiedliche Hirnregionen. Zum Beispiel bei sprachlicher Kreativität eher auch Areale der linken Hirnhälfte. Wichtiger ist: Vor allem, wenn das Gehirn in einen entspannten Zustand (erkennbar an Alpha-Wellen bei einer Hirnstrommessung) übergeht, sprudeln die besten Ideen!

 

Gibt es so etwas wie die kreativ begabte Persönlichkeit?

Na klar, Einstein, Picasso! Aber Kreativität ist zum Glück nicht nur angeboren. Es gibt auch so etwas wie die 10-Jahres-Regel: Man braucht im Schnitt 10 Jahre harter Übung an den Grenzen der Fähigkeiten, um es zur Höchstkreativität zu bringen! Das zeigte sich bei den Beatles ebenso wie bei Schach-Großmeistern oder auch Mathematikern. Einstein selbst ist ein gutes Beispiel: Mit 16 fragte er sich, wie es wohl wäre, einen Lichtstrahl zu reiten. Und wann hatte er die Antwort? Richtig, 10 Jahre später, mit der speziellen Relativitätstheorie.

 

Lässt sich Kreativität trainieren? Wenn ja, wie?

Das Wichtigste: Man muss sich in ein Metier, das einem liegt, verlieben und sich dann vertiefen und trainieren, lernen und üben bis zum Gehtnichtmehr. Nur dann wird man richtig gut. Generelle Strategien, das Oberstübchen aufzufrischen sind: Neue Erlebnisse, wie zum Beispiel Auslandserfahrung oder sonstige „Hirnschocks“ wie einen Berufswechsel oder Freunde aus ganz anderen Metiers.

 

Wie sieht die ideale Umgebung für Menschen in Kreativberufen aus?

Blau! Kein Witz: Eine seriöse Studie hat gezeigt, dass wir in einer blauen Umgebung am kreativsten denken. Mit etwas mehr Ernst würde ich sagen: Kreative Kollegen. Je kreativer und anregender die Leute sind, mit denen man täglich in Kontakt steht, umso mehr regt das auch das eigene Denken an.

 

Kreativität und Termindruck - wie bringt man beides auf Dauer unter einen Hut?

Schlecht. Das Gehirn braucht Auszeiten und Entspannung, damit die Fantasie aufblüht. Faustregel: Machen Sie sich Zeit, um Zeit zu verschwenden.

 

Wie kreativ ist die so genannte Kreativwirtschaft wirklich?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur: Jeder kann in jedem Beruf kreativ sein. Es gibt einfallslose Werber und andere „Kreative“ und hochkreative Steuerberater - auch wenn meiner leider nicht dazu gehört!

 

Nicht kann es sich auf die Fahne heften, dass ein Tier nach einem benannt wurde. Bas Kast schon. Neben der Süßwasserschnecke Tylomelania baskasti tragen auch zahlreiche Artikel und Bücher den Namen des 1973 geborenen Pfälzers. Die Bücher des studierten Psychologie und Biologe finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Zuletzt schrieb er „Und plötzlich macht es KLICK! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen“

 

Foto: Bas Kast macht gern blau. Auch bei der Hirnstrommessung.