Enormes Marktpotential für barrierefreie Kommunikation

Jeder vierte Österreicher hat Probleme, Geschriebenes zu verstehen. Texte in so genannter Leichter Sprache machen Inhalte einem breiteren Publikum zugänglich. Zwei Tiroler Kommunikationsexperten befassen sich intensiv mit dem Thema und sehen auch die Kreativszene in der Pflicht.

Obwohl seit Anfang 2016 gesetzlich verankert, sagt der Begriff „Leichte Sprache“ kaum jemanden etwas. Selbst in den heimischen Kommunikations- und Werbeagenturen herrscht oft Ratlosigkeit, wenn ein Kunde nach Inhalten barrierefreier Kommunikation fragt. Rainer Hammerle und Brigitta Hochfilzer haben dieses ungenützte Potential erkannt und beschäftigen sich nun seit geraumer Zeit mit der Thematik. Ihre gemeinsame Agentur b´kom berät Unternehmen und Institutionen, entwirft barrierefreie Kommunikationskonzepte, veröffentlicht eine Zeitung in Leichter Sprache und gibt wertvolles Wissen in Workshops weiter. Das nächste Tagesseminar findet am 31. Mai 2017 in Innsbruck statt. Wir haben Brigitta Hochfilzer und Rainer Hammerle zum Interview getroffen.

Vorab: Was ist barrierefreie Kommunikation?

Hochfilzer: Seit 1. Jänner 2016 ist das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Dieses besagt unter anderem, dass alle Unternehmen und Einrichtungen in Österreich Dienstleistungen und Informationen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, barrierefrei anbieten müssen. Diese gesetzlichen Vorgaben können von Betroffenen und ihren Interessensvertretungen übrigens eingeklagt werden.

Hammerle: Barrierefreiheit geht weit über bauliche Maßnahmen wie Rampen für Rollstuhlfahrer hinaus. 25 Prozent der Bevölkerung würden von einer barrierefreien Kommunikation profitieren. Dazu gehören etwa Menschen mit Leseschwäche oder Sehbehinderungen. Was nicht viele wissen: Es reicht nicht aus, einfach eine größere Schriftart zu verwenden.  

Wer nimmt euer Angebot in Anspruch?

Hochfilzer: Wir haben Kunden im sozialen Bereich, Unternehmen unterschiedlichster Sparten und Institutionen wie die Wirtschaftskammer Österreich.

Hammerle: Das war ein sehr spannendes Projekt. Hier ging es konkret um Gesetzestexte für Gründer. Diese Texte sind oft so komplex, dass selbst Menschen mit Fachwissen Probleme haben, diese zu verstehen. Also wurden wir damit beauftragt, diese Inhalte in Leichte Sprache zu übersetzen. Mittels Button kann der User sich dann für die eine oder andere Variante entscheiden. Wichtig dabei: Letztendlich gültig ist natürlich die ursprüngliche Fassung in normaler Sprache. Die einfache Version erleichtert dem Leser das Verstehen der Inhalte aber erheblich.

Ist b´kom in Tirol Vorreiter?

Hochfilzer: Es gibt einige Mitbewerber, die ihren Ursprung in der Betreuung und Vertretung behinderter Menschen haben. Unser Alleinstellungsmerkmal ist sicher, dass wir aus der Kommunikationsbranche kommen. Das macht bei genauer Betrachtung auch Sinn. Denn behinderte Menschen sind nur ein kleiner Teil der großen Gruppe, die barrierefreie Kommunikation brauchen. Es gibt sehr viele alte Menschen, die aufgrund von Erkrankungen Einschränkungen haben, dann gibt es eine große Zahl an Personen, deren Muttersprache eben nicht Deutsch ist und Menschen aus bildungsfernen, sozial schwachen Milieus. Wir haben uns darauf spezialisiert zu erkennen, wo barrierefreie Kommunikation notwendig und sinnvoll ist.

 

Wird das Potential in der Branche also unterschätzt?

Hochfilzer: Es wäre auf jeden Fall wünschenswert, wenn sich mehr Leute damit beschäftigen würden – dadurch wird die Verbreitung größer und das Bewusstsein dafür gestärkt. Und der Bedarf ist da. In Österreich würden über 2 Millionen Menschen von Leichter Sprache profitieren.

Hammerle: Gerade für die Werbebranche sind Webseiten ein wichtiger Punkt. Viele Unternehmen machen alle drei, vier Jahre einen Relaunch. Oft wird der Fehler gemacht, erst im Nachhinein an die Barrierefreiheit des Webauftrittes zu denken. Dabei sollte man diese schon in der Konzeption mitplanen. Unser Wunsch wäre es, dass die Grafik- und Webagenturen diese Thematik von Anfang an mitdenken.

Hochfilzer: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es noch Berührungsängste und Vorbehalte gibt.

Inwiefern?

Hochfilzer: Es taucht immer wieder die Frage auf: „Ja sollen wir jetzt nur noch einfache Sujets, kontrastreiche Logos und sehr einfache Sprache verwenden?“ Unsere Antwort ist dann klar: Nein. Barrierefreie Kommunikation ist ein zusätzlicher Kommunikationsweg, optimalerweise fährt man quasi doppelgleisig.

Welche Inhalte vermittelt ihr in euren Workshops?

Zunächst klären wir darüber auf, worum es überhaupt geht. Der zweite Schritt sind ganz konkrete Beispiele. Das ist besonders für Werbeagenturen interessant – wie gestalte ich Webseiten, Folder oder Beschriftungen barrierefrei? Auch die Farbgestaltung, Piktogramme und Leitsysteme spielt eine große Rolle. So können wir den Teilnehmern einen soliden Leitfaden in die Hand geben. Am Ende können sie einfache Aufgabenstellungen dann auch selbst umsetzen und anbieten.